Hier punktet Teamgeist

Sport im Freien macht auch und vor allem in der Gruppe Spaß. ¹⁾
Interview mit Prof. Dr. Lutz Thieme
Sportvereine boomen, während viele andere Institutionen Mitglieder verlieren. Warum ist das so? Und was brauchen Vereine, um auch künftig attraktiv zu bleiben? Sportwissenschaftler Lutz Thieme erklärt, warum die entscheidenden Jahre zwischen 10 und 18 liegen, weshalb Ehrenamt neu gedacht werden muss und welches Potenzial in der Vereinsarbeit noch liegt.
alverde: Die Sportvereine in Deutschland feierten mit 25,79 Millionen Mitgliedern 2025 einen neuen Rekord. Was ist der Grund für ihre Beliebtheit?²⁾
Lutz Thieme: Nach der Pandemie ist vielen der Wert von Bewegung und Gemeinschaft stärker ins Bewusstsein gerückt. Zu diesem sachlichen Grund kommen zwei statistische Faktoren: Es treten mehrheitlich Kinder in Sportvereine ein und diese gehören momentan zu relativ geburtenstarken Jahrgängen. Zudem gibt es einen Nachholeffekt, weil während der Pandemie kaum jemand neu eingetreten ist.
alverde: Wie verläuft eine Mitgliedschaft typischerweise über die Lebenszeit?
Lutz Thieme: Von den 10-Jährigen eines Jahrgangs sind rund 80 Prozent in einem Sportverein – ein riesiger Erfolg. Bis zum Alter von 25 Jahren fällt die Quote dann auf 25 Prozent. Und dieser Wert bleibt stabil. Wenn die eigenen Kinder dann im Sportverein sind, ist die Wahrscheinlichkeit größer, dass ein Elternteil wieder eintritt oder sich sogar ehrenamtlich engagiert. Aber statistisch fällt das nicht ins Gewicht.
alverde: Sind kommerzielle Einrichtungen wie Fitnessstudios für erwachsene Hobby-Sportler attraktiver?
Lutz Thieme: Sie bedienen ein anderes Bedürfnis. Ein Fitnessstudio bietet eine Dienstleistung an. Ein Sportverein dagegen ist eine Selbstorganisation von Menschen. Dort geht es auch um Mitgestaltung, Verantwortung und Begegnung. Wenn ich in einen Verein eintrete und einen Mitgliedsbeitrag zahle, dann sollte ich mir vergegenwärtigen, dass andere durch ihr ehrenamtliches Engagement den geringen Mitgliedsbeitrag erst ermöglichen. Es liegt vielleicht nahe zu sagen „Die Gesellschaft individualisiert sich, deshalb gehen Menschen eher joggen oder ins Fitnessstudio anstatt in den Verein.“ Aber die Suche nach Individualität und Gemeinschaft besteht nebeneinander – Menschen suchen etwa im Sportverein das Gefühl von Zugehörigkeit, gestalten aber möglicherweise ihren Urlaub sehr individuell.
alverde: Sorgen bereitet vielen Vereinen, dass Ehrenamtliche fehlen. Welche Lösungen sehen Sie dafür?
Lutz Thieme: Die Bereitschaft zum Engagement ist auch bei jüngeren Menschen hoch. Aber viele wollen projektbezogen mitarbeiten, statt dauerhaft ein Amt zu übernehmen. Sportvereine haben gar keine andere Wahl, als sich darauf einzustellen. Denn die Boomer-Jahrgänge, die heute einen großen Teil des Ehrenamtes tragen, ziehen sich langsam zurück, die nachrückenden Jahrgänge sind deutlich kleiner. Wenn es um Sportangebote geht, bleibt Verbindlichkeit wichtig. Aber bei vielen anderen Posten sollten Vereine zulassen, dass Menschen sie anders ausfüllen als bisher: etwa, indem sich zwei Menschen ein Amt teilen oder mehr digital erledigen.
alverde: Wie bleiben Sportvereine zukunftsfest, wenn die Geburtenrate weiter sinkt?
Lutz Thieme: Weniger über Mitgliedergewinnung reden – darin sind Vereine hervorragend. Entscheidend ist Mitgliederbindung, vor allem im frühen Jugendalter. Vereine sollten geeignete sportliche Angebote machen und vor allem Jugendlichen ermöglichen, sich auszuprobieren: Etwa indem sie Social-Media-Betreuung, Schiedsrichtertätigkeiten, erste Übungsleiterrollen übernehmen. So entsteht Identifikation und die Basis für modernes Ehrenamt.
Prof. Dr. Lutz Thieme Sportwissenschaftler Hochschule Koblenz
Er beschäftigt sich mit Spitzen- und Breitensport. Ein besonderer Schwerpunkt seiner Arbeit ist die Struktur und Entwicklung der Sportvereine. Privat spielt er Wasserball bei den SSF Bonn 1905 e.V. Dort engagierte er sich auch viele Jahre im Vorstand.





