Ihr Weg kennt keine Hindernisse

Paralympics Goldmedaillen-Gewinnerin Anna Schaffelhuber sah ihren Rollstuhl nie als Hindernis. © Andreas Panzenberger
Im Gespräch mit Paralympics Gewinnerin Anna Schaffelhuber
Anna Schaffelhuber, Paralympics-Goldmedaillen-Gewinnerin im Monoski, fühlt sich auf der Piste frei. Etwas von diesem Gefühl will sie auch für andere in die Gesellschaft tragen.
Die Zeit, in der sie mit bis zu 130 km/h auf dem Monoski die Schneepiste hinunter dem Sieg entgegenflitzte, liegt schon ein paar Jahre zurück. Anna Schaffelhuber ist gerade auf ganz andere Weise gefordert. Sie ist mit ihrem zweiten Kind in Elternzeit. Seit sie 2019 ihre erfolgreiche Monoski-Karriere beendete, ist die Bayerin Realschullehrerin für die Fächer Mathematik und Wirtschaft.
Anna Schaffelhuber wurde mit einer inkompletten Querschnittslähmung geboren und ist auf den Rollstuhl angewiesen. Ihre Eltern und ihre beiden Brüder improvisierten und tüftelten gemeinsam mit ihr Lösungen aus, um Hindernisse aus dem Weg zu räumen: Aufs Baumhaus gelangte sie als Kind mit einem Flaschenzug, ein andermal half eine besonders lange Rampe, um ein Ziel zu erreichen. „Ich hatte eine ganz normale und schöne Kindheit“, erzählt die heute 33-Jährige.
Die Freiheit, ihren Traum zu leben
Als die Brüder Skifahren lernten, machte die fünfjährige Anna einen Monoskikurs – bei Gerda Pammler, die an Paralympics teilgenommen hatte und Anna schon bald in die Wettkampfrichtung lenken wollte. Mit 14 nahm sie an einem „Sichtungslehrgang“ teil, bei dem Trainerinnen und Trainer die Leistungen der Teilnehmenden beurteilten. „Da hab’ ich gesehen, dass ich im Vergleich zu den anderen gar nicht so langsam bin, und in mir ist so ein bisschen der Ehrgeiz erwacht“, erzählt Anna Schaffelhuber.
Bis sie 2010 bei den Paralympics in Vancouver die Bronzemedaille im Super-G um ihren Hals trug, schaffte sie Unglaubliches: Weil sie wegen des Sports häufig in der Schule fehlte, musste sie sich den Schulstoff bis zum Abitur weitgehend selbst beibringen, schriftliche Arbeiten vor- oder nachschreiben. Barrierefreie Skiinternate gab es nicht – deshalb der „Deal“ mit der Schule, dass Anna „kommen und gehen kann“, solange die Noten stimmen. „Es war für mich nicht der einfachste Weg, aber ich wusste: Wenn ich das hinbekomme, habe ich die Freiheit, meinen Traum zu leben und Skifahren zum Beruf zu machen.“
In der Junioren-Nationalmannschaft fuhr sie internationale Punkterennen, dann Europacup- und schließlich Weltcuprennen. Mit dem Monoski verwächst sie in vielen Trainingsstunden im Schnee zu einer perfekten Einheit. Bei den Winter-Paralympics 2014 in Sotschi gewinnt sie alles: Gold in der Abfahrt, im Slalom, im Riesenslalom, im Super-G und in der Super-Kombination. Als persönlich größten Erfolg empfindet sie, dass es ihr gelang, vier Jahre später im koreanischen Pyeongchang gleich wieder mit einer Goldmedaille aufzuwarten.
Ein Trainer sagte zu ihr: „Ein Rennen gewinnt nicht, wer am meisten Talent hat. Ein Rennen gewinnt, wer es im Kopf gewonnen hat.“ Das bedeutet im Monoski, dass der Verstand keinen Impuls zu bremsen auslösen darf, das wäre lebensgefährlich. Kindern erklärt sie die Abfahrt bei bis zu 130 km/h auf dem Monoski so: „Es ist, wie wenn man im Auto auf der Autobahn fährt, die Fenster runterkurbelt und den Kopf ein bisschen raushält. Der Wind schlägt einem ins Gesicht, es ist wahnsinnig laut, das Licht verschwimmt.“
Freie Fahrt im Alltag oder Beruf hat Anna Schaffelhuber indes selten. Als Jugendliche musste sie pro forma für einen weit entfernten Münchner Sportverein für Menschen mit Behinderung starten. Für den Sportverein zu Hause im Dorf bei Landshut durfte sie erst antreten, als dieser eine Fußballmannschaft für Menschen mit Behinderung gründete. Um als Lehrerin arbeiten zu können, musste sie wegziehen, da in der Umgebung keine einzige Realschule barrierefrei ist. Ein bisschen vermisst sie die Freiheit auf der Piste, wenn sie sagt: „Sobald ich im Monoski drin bin, komm’ ich so gut wie überall hin. Der Großteil der Skigebiete ist barrierefreier als die übrige Umgebung.“
Jugendlichen ein Vorbild sein
Ihre Erfahrung, dass Menschen mit und ohne Behinderung in Sportvereinen und Kinderfreizeiten getrennt werden, ließ bei ihr eine Idee reifen. Sie verwirklicht sie 2019: die „Grenzenlos-Camps“ (schaffelhuber-grenzenlos.com) für junge Menschen. Die Lehrerin gewinnt dafür Sponsoren, die auch „den wirtschaftlichen Faktor dahinter verstanden haben“. Nämlich Menschen mit Behinderung über Praktika für eine Ausbildung oder ein Studium in ihrem Unternehmen zu gewinnen.
2025 hat sie die Freizeiten auch für junge Geflüchtete geöffnet, sie möchte nicht nur inklusiv, sondern auch integrativ wirken. Bis zu drei Camps finden pro Jahr statt mit jeweils 24 Teilnehmenden – die Hälfte ohne körperliche oder geistige Einschränkungen. Segelfliegen, Sportspieltage, Challenges zur Kompetenzentwicklung – Anna Schaffelhuber lebt vor, wie man zunächst die Barrieren im eigenen Kopf überwindet.





