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Ohne sie kein Spiel

Hand hält Schlüsselring mit zwei Trillerpfeifen, eine rot und eine schwarz, vor gelbem Hintergrund

Schiedsrichter brauchen eine Trillerpfeife – und sie müssen fair entscheiden. ¹⁾

Zu Besuch bei einem Handballverein

Immer weniger Jugendliche wollen Handballspiele pfeifen. Zu hart, zu laut, zu respektlos ist der Umgang in manchen Hallen. Ein Verein in Sachsen will mit dem Projekt „Fairpfiffen“ eine Trendwende einleiten.

Trommelschläge hallen von den Wänden zurück, ein Trötenstoß durchbricht das Stimmengewirr. Rund 50 Menschen sitzen auf den Bänken am Spielfeldrand. Zwei C-Jugend-Teams laufen unter dem Jubel des Publikums aufs Feld. Mittendrin: Marie Knöchel, 16, im neongelben Trikot, die Schiedsrichterpfeife in der Hand. Aus den Lautsprechern der Turnhalle ertönt eine Stimme: „Sie stehen mitten im Geschehen, alle Augen sind auf sie gerichtet. Jede Entscheidung zählt. Ohne sie kein Spiel. Lasst uns gemeinsam fair bleiben ...“

Der Einspieler ist ein festes Ritual beim VfB Eilenburg und Teil des Projekts „Fairpfiffen“, das der sächsische Verein vor einem Jahr aus Sorge um den Nachwuchs gestartet hat. „Wir haben keine Schiedsrichter mehr gefunden“, sagt Vereinschef Christian Knöchel, 46, Maries Vater. Genug Interessenten hätte es gegeben. „Aber viele haben nach einem halben Jahr wieder aufgehört.“

Das Problem betrifft nicht nur Eilenburg. Von über 20.000 aktiven Handball-Schiedsrichterinnen und -Schiedsrichtern in Deutschland hören rund 60 Prozent nach dem ersten Jahr wieder auf. „Viele junge Schiris lassen sich durch lautstarke Kritik und Beleidigungen verunsichern“, sagt der Vereinschef. „Der Ton in den Hallen ist rauer geworden.“ Oft fehle der Mut, weiterzumachen.

„Es geht um Auftreten, ums Selbstvertrauen.“ – Christian Knöchel

links mehrere bunte Handbälle auf einer Hallenbodenmarkierung, rechts in einer Umkleide ein sitzender Mann und eine stehende Frau in Schiedsrichter‑/Sportkleidung auf einer Holzbank.

Gemeinsam für mehr Fairness: Christian Knöchel unterstützt seine Tochter Marie als Mentor. ¹⁾

Mentoren unterstützen die Neulinge

Junge Unparteiische stünden unter enormem Druck, vor allem wenn Spiele emotional aufgeladen sind. „Wenn sich erwachsene Männer vor einer 16-Jährigen aufbauen und sie anschreien, kann das angsteinflößend sein“, so Christian Knöchel. Genau hier setzt „Fairpfiffen“ an. Junge Schiedsrichterinnen und Schiedsrichter stehen zusammen mit erfahrenen Mentorinnen und Mentoren auf dem Platz, bekommen Workshops zu Kommunikation und Körpersprache. In der Heimhalle hängt ein zwei Meter großes Banner mit einer gelben Karte und der Aufschrift: „Junge Schiedsrichter im Einsatz“.

Beim heutigen Spiel coacht Christian Knöchel seine Tochter. „Es geht nicht nur um Regeln“, sagt er. „Es geht um Auftreten, ums Selbstvertrauen.“ Über Headsets tauschen sie sich während des Spiels immer wieder kurz aus. „Bleib stehen“, gibt der Vater durch oder: „Klarer anzeigen.“ Bei manchen Siebenmetern sei sie sich noch unsicher, sagt Marie Knöchel. „Da bin ich froh, wenn mein Vater kurz sagt, wie ich entscheiden soll.“

Doch nicht nur auf dem Feld, sondern auch am Spielfeldrand sind Pöbeleien und Beschimpfungen keine Seltenheit. „Mich nervt, wenn Leute irgendwas reinrufen, ohne die Regeln zu kennen“, sagt sie. „Manchmal erkläre ich kurz, warum ich so entschieden habe.“ Zuschauer können mit einer gelben Karte verwarnt und im Zweifel der Halle verwiesen werden. Emotionen gehören dazu, meint Christian Knöchel. „Aber Worte wirken nach.“

Handball ist ein schnelles Spiel mit komplexen Regeln. Umso größer sind die Herausforderungen für die Unparteiischen. ¹⁾

Spürbar mehr Respekt in der Halle

Marie hofft, dass „Fairpfiffen“ anderen Vereinen als Vorbild dient. „Wenn mehr junge Schiedsrichterinnen und Schiedsrichter Unterstützung bekommen, trauen sich vielleicht mehr aufs Feld.“ Flyer, Tonspur und Banner stehen anderen Vereinen kostenlos zur Verfügung. „Die Grundstimmung in unserer Halle hat sich verändert“, sagt Christian Knöchel. Weniger Aggression, mehr Bewusstsein. Auch weil vor jedem Heimspiel klar ist: Hier wird genau hingeschaut und im Ernstfall durchgegriffen. 18 Nachwuchsschiedsrichterinnen engagieren sich mittlerweile im Verein. Marie ist eine von ihnen. Ans Aufhören denkt sie nicht.

Sterne des Sports

Der VfB Eilenburg erreichte mit seinem Projekt „Fairpfiffen“ beim Bundesfinale der „Sterne des Sports“ den zweiten Platz und erhielt ein Preisgeld in Höhe von 7.500 Euro. Der Wettbewerb wird vom Deutschen Olympischen Sportbund gemeinsam mit den Volksbanken und Raiffeisenbanken ausgerichtet. Er zeichnet Sportvereine aus, die sich mit kreativen Ideen und nachhaltigem Engagement für die Gesellschaft einsetzen.